Jörg Thielges
Jörg Thielges, bis vor kurzem Direktor der Software Solutions & Services bei IBM in Böblingen, begann seine Karriere als Entwicklungsingenieur. Seit Beendigung seines Studiums der Nachrichten- und Informationsverarbeitung an der TU Berlin ist Jörg Thielges bereits bei IBM tätig. Nach mehrjährigen Auslandseinsätzen in den USA leitete er ab 1993 die Systementwicklung bis er 1998 die Position des Direktors der Software Solutions & Services übernahm.
Seit 1996 engagiert sich Jörg Thielges in der Informationstechnischen Gesellschaft im VDE (ITG), deren Vorstandsvorsitzender er von 2003 bis Ende 2005 war. Jörg Thielges wurde 1942 geboren, ist verheiratet und hat 2 Kinder.
Was bedeutet die Breitbandtechnologie für den Standort Deutschland?
21. September 2006, 10:00 Uhr
Podiumsdiskussion
22. September 2006, 15:15 Uhr
Die Bundesregierung könnte jetzt mit Breitband eine neue Innovationsoffensive starten
- Interview mit Jörg Michael Thielges, Past President der ITG/VDE, im Vorfeld des 1. Deutschen Breitbandkongresses (21./22. September in Berlin)
Frage: Herr Thielges, warum halten Sie es für so wichtig, dass zum Thema Breitband ein intensiver Dialog zwischen den Marktteilnehmern in Gang kommt?
J.M.Thielges: 1989, als ISDN für mittlerweile 11 Millionen Teilnehmer eingeführt wurde, waren wir mit Daten- und Sprachübertragungsraten von 64.000 Bits/s noch bestens zufrieden. Heute erfordern Internet- oder Intranetanwendungen Übertragungsraten von 1 Millionen, besser 6 oder sogar 16 Millionen Bits/s. Dadurch profitieren Nutzer auch von den damit einhergehenden schnelleren Antwortzeiten auf ihre Eingaben. Beispiele für solche Anwendungen sind Online Shops- Business to Consumer (B2C)- wie amazon.com und, noch wichtiger, Business to Business (B2B) Transaktionen. Der großvolumige, zunehmend weltweite Datenaustausch zwischen Herstellern und Zulieferern oder auch das Concurrent Engineering, bei dem länderübergreifend an einem Auto-, Flugzeug- oder auch Computerdesign gearbeitet wird, fordern hohe Datenübertragungsgeschwindigkeiten. Letztendlich aber geht es um unsere Fähigkeit, schnell auf weltweit verfügbare Information und daraus destilliert, Wissen zuzugreifen. Länder wie Südkorea, Japan, USA aber auch Schweden, die Niederlande und Finnland verfügen über die dazu notwendigen aktiven Anschlüsse. Wir in Deutschland nicht. Das kann uns sehr kurzfristig vom globalen Wissensaustausch und damit internationalen Wettbewerb abkoppeln. Mit allen negativen Folgen auch für den Arbeitsmarkt.
Frage: Triple Play gilt derzeit als wichtiges Thema in den Märkten Telekommunikation und Medien. Wie denken Sie wird sich der deutsche TK-Markt in den kommenden zehn Jahren verändern?
J.M.Thielges: Bis 1989 stand 100 Jahre lang die Sprachübertragung auf Telefonleitungen im Fokus der Telekommunikation. Parallel dazu wurden von der Deutschen Bundespost bis in die 80er Jahre 20 Millionen Kabelanschlüsse zum Fernsehempfang installiert. In den 90er Jahren kamen die Mobilfunkanbieter hinzu. Wie schon heute auf dem Kabel, können bald digitale Fernsehprogramme in Echtzeit und hochauflösender Qualität auch auf Telefonleitungen und über Funk übertragen werden. Aus Sicht der Informationstechnischen Gesellschaft (ITG) im VDE wird nicht zuletzt dadurch der Verkehr in den Kommunikationsnetzen in den nächsten zehn Jahren um 1.500 Prozent (!) zunehmen. Zukünftige Glasfaser- und Mobilfunktechnologien werden diesen Zuwachs leicht verkraften können. Allein im Mobilfunk vervielfacht sich die Übertragungskapazität alle fünf Jahre um den Faktor 100. Die Anbieter aber werden vor völlig neuen Herausforderungen stehen. Diejenigen mit dem besten inhaltlichen Preis-/ Leistungsangebot wird die meisten Installationen tätigen und damit Umsätze generieren können. Service und Content Provider werden dadurch gezwungen, enger zusammenzuarbeiten.
Frage: Ob Webstuhl, Buchdruck oder der Computer - neue Technologien verändern immer auch die Märkte. Die Digitalisierung und das Internet verändern derzeit gleich mehrere Märkte ganz grundlegend. Wie sind Ihre aktuellen Thesen bzw. Prognosen zum Thema Breitband und Triple Play?
J.M.Thielges: Spätestens seit Joseph Schumpeter ist bekannt, dass jede ökonomische Entwicklung auf dem Prozess der schöpferischen Zerstörung aufbaut. Innovationen halten die Märkte am Leben. Große Innovationen erscheinen in Wellen. Diejenige, die die Wirtschaft aber auch unser Privatleben auch in den nächsten zehn Jahren weiterhin beeinflussen wird, bleibt das Internet und die dadurch geprägten Geschäftsmodelle. Breitband bildet die Voraussetzung, von diesen Geschäftsmodellen zu profitieren, bzw. neue Geschäftsmodelle aufzubauen und wird sich deshalb schnell durchsetzen. Das klassische Modell, dass Kunden jeden Service bzw. die Verfügbarmachung von Inhalten bezahlen, gerät im Internetzeitalter ins Wanken. So wie ich von meinem Computer aus kostenlos E-Mails in alle Welt versenden oder mittels Skype telefonieren kann, gestaltet sich auch mein Erwartungshorizont bzgl. anderer Inhalte. Allein überlegene Qualität wird sich noch durch höhere Preise rechtfertigen lassen.
Frage: Angesichts der relativ schlechten internationalen Positionierung von Deutschland in Sachen Breitbandversorgung sollte man annehmen, dass der verstärkte Ausbau ein starkes öffentliches Interesse ist. Bislang merkt man da von einer "Innovationsoffensive" wenig. Was erhoffen Sie sich vom 1. Deutschen Breitbandkongress an neuen politischen Impulsen?
J.M.Thielges: Allein, dass der Kongress in der Hauptstadt Berlin stattfindet, ist schon ein wichtiges Signal an Öffentlichkeit und Politik. Was die Zahl der Breitbandnutzer angeht, spielen wir in Deutschland noch in der Regionalliga. Das muss sich ändern und zwar schnell! Wir haben schon jetzt ein bis auf wenige Ausnahmen flächendeckendes Breitbandangebot. Als Exportweltmeister sind wir es uns schuldig, auch die Zahl der Breitbandnutzer in Nähe derer Koreas, Japans, Schwedens oder Finnlands zu hieven.
Leider ist die von der vorigen Bundesregierung gestartete Innovationsoffensive etwas versandet. Die Bundesregierung hat jetzt die Chance, mit Breitband ein neues wichtiges Signal in einer erneuten Innovationsoffensive zu setzen. Breitband muss in den Schulen beginnen und den Privathaushalten enden. Die Vorteile der Breitbandnutzung bewusst zu machen ist eine gemeinsame Aufgabe von Politik, Verbänden wie der ITG im VDE und der Industrie.
